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Von den Anfängen des Dorfes


Die erste schriftliche Kunde
Karl der Große hatte im Jahre 787 den aus England stammenden Willehad zum Bischof mit dem Sitz in Bremen ernannt. Nach seinem bereits zwei Jahre später erfolgten Tode war er heilig gesprochen worden. Am Orte seines Begräbnisses, im Dom, wurden in der Folgezeit besondere Zeichen vernommen, die, wie sein Leben, in einer Handschrift aufgezeichnet worden sind.

In dieser Handschrift heißt es nun, dass nach Pfingsten im Jahre 860 im Bremer Dom Wunder geschehen sein sollen, die sich natürlich schnell herumsprachen. Aus nah und fern kamen kranke Menschen, von denen man sogar die Herkunftsorte aufführte und erlangten Heilung. Da heißt es im 17. Kapitel:
 

„Porro de Wege villa publica, quaedam puella multo tempore omnibus infirmata membris, nihil omnio virium in proprio retinebat corpore.
Ad confessionem itaque deducta Sancti, divinae largitatis munificentia et virium possibilitatem et totius corporis recepit sanitatem".

(„Ferner war im Dorfe Weyhe ein Mädchen, welches lange Zeit an allen Gliedern geschwächt, in seinem ganzen Körper keine Kraft mehr hatte. Dieses wurde dann an das Grab des Heiligen gebracht und erhielt durch Gottes reiche Güte den Gebrauch seiner Kräfte und die Gesundheit seines Körpers zurück".)
 

Hier ist also der Name unseres Ortes in der lateinischen Bezeichnung der damaligen Zeit zum ersten Mal aufgeführt. Es mag dahingestellt sein, was wir unter villa publica zu verstehen haben und wir werden sicherlich niemals ergründen können aus wieviel Häusern, die sich wohl in der Nähe eines größeren Bauernhofes befanden, die Siedlung damals bestand. Die Gemeinde konnte aber mit Recht im Jahre 1960 durch diese erste Nennung des Namens ihre 1100-Jahrfeier begehen. Für den Teil der Siedlung mit der Kirche ergab sich später daraus der Name Kirchweyhe, für den südlichen Teil entstand der Name Sudweyhe, der erstmalig in einer Urkunde vom 13. 7. 1352 erwähnt wurde.

 

Wer die Entstehung und Entwicklung eines Dorfes beschreiben will, stößt oft auf erhebliche Schwierigkeiten. Fast ist es zuweilen so, dass die älteste Geschichte in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt bleibt.
Manche Methoden, es aufzuhellen, scheinen zu versagen. Zu einem ganzheitlichen Geschichtsbilde gehört das Verständnis des Entstehens und Werdens dessen, was man in geschichtlicher Zeit als Gewordenes und Gewachsenes vorfindet.

Soweit schriftliche Zeugnisse, wie Urkunden und dergl. vorliegen, besitzt die Methode der Geschichtsforschung (Urkundenforschung) eine überragende Bedeutung. In vielen Fällen ist sie die einzige Methode geblieben, deren sich die Heimatforschung bedient. Das trifft auch in erster Linie für das Dorf „Kirchweyhe" zu. Der Name ist abgeleitet von „Weyhe", und damit in Zusammenhang steht die urkundlich 1063 zuerst erwähnte Bezeichnung „Weigeri-Bruch", also ein „Bruchgelände", das damals schon nach diesem Ort seine Benennung gefunden hat.
 

Die Arbeit der Forschung wird dann aber mit jedem weiter zurückliegenden Jahrhundert schwieriger, denn die Frühzeit ist eine „schweigende- Zeit. immerhin stammen aber auch noch einige Kenntnisse aus der Vorgeschichte in unserem Lebensraum aus Funden, die der Boden zufällig oder bei Grabungsarbeiten freigegeben hat. Allerdings ist der Bereich solcher Grabungsstellen nur gering und daher die Aussage begrenzt auch im Gebiet von Kirchweyhe. Dennoch bieten gewisse Formen in der Landschaft und im Dorfplan der alten Zeit Mittel und Wege., die älteste Geschichte unseres Dorfes gleichsam ablesen zu können.
 

Den natürlichen Schutz von Einzelhof und Dorf bildete schon in der Frühzeit der „Knick". Unter einem Knick ist eine Flecke (Dornenhecke) zu verstehen, die durch das Knicken der Zweige dicht und undurchdringlich wird. Der „Knick". ist von altersher unverlierbar in das Dorfbild von „Kirchweyhe" eingezeichnet worden. Er wurde benutzt als Hof.- und Dorfumwehrung. Die Hecke begrenzt aber auch Feldstücke (Kämpe), Weideflächen, Gebiete der „Allmende" usw. Sie ist überall da zu finden, wo Grenzen gesichert werden müssen und hindert das weidende Vieh am Übertritt auf das Feldland. An ihre Stelle ist neuerdings im Dorf vielfach der Zaun oder die Hofmauer getreten. Auch wo in den Anfängen unserer Dörfer ein Bedürfnis nach Wegen und Straßen sich herausstellte, hat der „Knick" (Hecke) weichen müssen. teils als Einrahmung von Fußwegen, Richtwegen, „Paddwegen", „Paddfurchen", oder auch als Grenzen von Gärten (ursprünglich „Kohlhöfe" genannt) und anderen Grundstücken.
 

Der Ort „Weie" hat sich in seinen Anfängen am Rande der Syker „Vorgeest" und „Weserniederung" entwickelt und ist in dieser Hinsicht nicht als „Haufendorf" anzusprechen. Das „Haufendorf" ist immer ein „geschlossenes Dorf" gewesen, ein von einem „Knick" umwehrtes Dorf. Das trifft für „Kirchweyhe" nicht zu. Die Urkundenforschung (weyhe— wege — weige — Weynethe — Wedeme etc. = geweihter Ort, Dotation der Kirche — Kirchengründung) läßt vielmehr einen kirchlichen Ursprung vermuten aus altsächsischer Zeit. Die Errichtung der alten Kirche erfolgte am Dorfrande mit der Zuteilung eines Kirchhofes und der Gründung des Pfarrhofes. Die Kirche konnte über größeren Landbesitz als Eigentum verfügen. Das „Ertz-Stift Bremen" besaß hier schon früh einen „freyen Sattelhof", mit einem „Meier" darauf. Adelige Familien (Grundherren) wurden in der nächsten Umgebung mit Besitzungen belehnt (Adelsgeschlechter „von Weyhe" — „von Hademstorf"— „von Mandelsloh").

Am Rande des Dorfes führte ein alter Arm der Weser (Borg-See — Dobben — Wittrocks See etc.) vorbei. Die vorspringende Geest — hier teilweise ein niedriges Ufer bildend — gestattete später die Ansiedlung von Hofnern (Bauern — Vollspennern — Halbspennern — Köthnern etc.), wie sie in den Erbregistern späterer Jahrhunderte aufgeführt sind. Die „Allmende" (gr. Kuhweide) lag außerhalb der eigentlichen Feldmark; aber alle Siedler hatten Anteil daran. Alle vorerwähnten Siedlungsstücke (Höfe etc.) waren umfriedet mit einer 1 Hecke — sind es vereinzelt heute noch — und ,bestimmen so den Charakter des Dorfgefüges.
Von der Vorgeest aus drangen die ersten Siedler der Dorfgemeinschaft Weyhe in das Gebiet der Weserniederung vor, um Neuland zu gewinnen, nachdem die Holländer hier und im Weigeri-Broch bereits vorher wertvolle Kultivierungsarbeit durch Trockenlegung und Rodung geleistet hatten.


Vom Bauernstand in früherer Zeit
 

Als Zeitpunkt der Gründung der Bistümer im Gebiet (Bremen, Verden etc.) kann wohl im allgemeinen das Jahr 800 angenommen werden. Über die bäuerlichen Verhältnisse in jener Zeit fließen die Geschichtsquellen nur recht spärlich. Sehr wahrscheinlich nahm für den Bauern von damals die Zeit der Leibeigenschaft und Hörigkeit ihren Anfang. Das blieb auch in der Folgezeit zunächst noch so.

Die ländliche Bevölkerung stand den wechselnden Ereignissen völlig wehrlos gegenüber. Am schlimmsten wird für sie die Lage in der Zeit des Raubrittertums im 13. und 14. Jahrhundert gewesen sein. Aber auch später bei den kriegerischen Auseinandersetzungen der kleinen Herren (z. B. Stadtregierungen und benachbarte Grafen) hatten die Bauern viel zu leiden. Die Gegner setzten die Bauernhöfe in Brand, vernichteten die Ernte und trieben das Vieh weg.

Erst im 16. Jahrhundert scheint eine Wendung zum Besseren eingetreten zu sein, als sich im Nordwesten Deutschlands  die wirtschaftliche und rechtliche Stellung des Bauernstandes gefestigt hatte. Es ist bezeichnend, daß der Bauernkrieg, die große und blutige Massenerhebung in der deutschen Geschichte, nicht auf Norddeutschland übergegriffen hat. In der Mitte des 16. Jahrhunderts hatten sich dann die persönlichen Verhältnisse der Bauern im Heimatgebiet durch das Verschwinden der Leibeigenschaft und der Hörigkeit entscheidend gebessert.

In einigen Gerichtsurteilen wird ein „Erbrecht" der zinspflichtigen Bauern bereits als „althergebracht" bezeichnet. Der Bauer war jetzt im wesentlichen nur noch abgabepflichtig. Daneben war er allerdings im Falle von Veränderungen (Heiraten, Erbfolge etc.), die sich in irgendeiner Hinsicht auf seinen Hof oder auf sein Verhältnis zum Grundherrn bezogen, nach wie vor auf dessen Zustimmung angewiesen. Bei uns hat sich also der Bauer verhältnismäßig frühzeitig der entehrenden. Fessel der Leibeigenschaft entziehen können, viel eher also als z. B. in den altpreußischen Provinzen.
 

Zu Beginn der frühchristlichen Zeit war der abgabepflichtige Bauer persönlich noch frei gewesen; aber schon im 11. Jahrhundert mehrten sich die Verkäufe der Höfe. Für eine bestimmte Summe konnte sich umgekehrt auch ein Unfreier mit Einwilligung seines Herrn freikaufen; davon wurde vielfach Gebrauch gemacht. Manche Höfe haben in jener Zeit und später oft durch Veräußerung den Besitzer gewechselt. Es ging in solchen Fällen, streng genommen, nur um die Abgaben, die der Hof zu leisten hatte; denn die Gebäude, die Ernte und sonstiges totes Inventar, das lebende Inventar und die Bodengare waren persönliches Eigentum des Stelleninhabers, der hei einem Abzug diese Werte veräußern oder mitnehmen konnte.

Das Obereigentum des Grundherrn umfasste den Hof mit allen Liegenschaften und dem Anteil des Hofes an den Gerechtigkeiten (Gemeinheiten) der Bauernschaft an Weide, Heidehieb (Plaggenhieb), Torfstich und am Bauernholz. Die Kaufpreise für ganze Höfe lagen im 14. Jahrhundert sehr niedrig; sie wurden vielfach ausgedrückt in Mark (Lübecker Währung). Im Vergleich dazu standen die Wirtschaftsgüter (wie Pferde etc.) sehr hoch im Preise. Die Hofpreise stellten natürlich ein bestimmtes Verhältnis zu dem Wert der von dem jeweiligen Hofe einkommenden Abgaben dar, die damals noch sehr gering waren.
 

Von 1500 bis 1600 erlebten die Bauernhöfe bei uns und in der Umgegend eine wichtige Neugestaltung, fast eine Bodenreform nach modernen Begriffen. Die guten Höfe wurden aufgeteilt und die Trennstücke in der Regel als halbe, drittel oder viertel Höfe einem nachgeborenen Sohne zugewiesen. Zu den kleinen Höfen wurden Zuschläge gegeben; Kötner, Anbauern und Neubauern erweiterten den Umfang der Bauernschaften.
 

Welches war nun die Haupterwerbsquelle der bäuerlichen Bevölkerung unserer Gegend in früherer Zeit? Aus den ältesten einschlägigen Dokumenten, die aus dem 14. bis 16. Jahrhundert stammen (Schatzbeschreibungen, Güterverzeichnissen etc.), gewinnt man den Eindruck, daß auch damals schon die Bedeutung des Getreideanbaues hinter der der Viehzucht merklich zurückgestanden hat. Jedenfalls steht fest, daß im Mittelalter die Einnahmen der Bauern bei uns in der Hauptsache aus der Viehzucht kamen, wozu die kultivierten Marschländereien der Weserniederung die Grundlage bildeten. Der Hackfruchtbau war bis ins 18. Jahrhundert hinein unbedeutend. Er konnte nur im eingefriedeten Kamp und in den Kohlhöfen (die oft erwähnt werden), in einzelnen Fällen auch noch in den Höfen selbst betrieben werden, weil das gesamte Ackerland nach der Getreideernte beweidet wurde (Stoppelhude).
 

Nun hat es aber auch nicht an Zeiten gefehlt, in denen die Wirtschaftlichkeit eines Bauernhofes durch den Ausbruch von Viehseuchen und dergleichen ernstlich gefährdet wurde. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts -kamen aus dem Ausland die ersten Nachrichten von dem Auftreten einer Hornviehseuche, die ganz Europa erfaßte und die die Bauern auch bei uns einen großen Teil ihres Bestandes an Hornvieh gekostet hat. Die dadurch verursachten Schäden waren um so fühlbarer, als die Seuche jahrzehntelang die kaum aufgefüllten Viehbestände immer wieder dezimierte. Es wird sich höchstwahrscheinlich nach den Beschreibungen um eine Art „Beulenpest" gehandelt haben; sie trat in unserer Gegend zwischen 1745 und 1750 auf und wütete dann bis in die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts hinein.

Ob diese Krankheit mit der bekannten Maul- und Klauenseuche der späteren Zeit identisch ist, sei dahingestellt. Im Landvolke tauchten natürlich Dutzende von Rezepten für die Behandlung der kranken Tiere auf, die mit wissenschaftlicher Tierarzneikunde nichts zu tun hatten und oft auf böse Tierquälerei hinausliefen.
 

Der Viehstapel eines Bauernhofes unserer Heimat wird oft erwähnt in alten „Schatzbeschreibungen" aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Neben den Zugochsen wurden auf allen Höfen und Pflugkaten auch Pferde gehalten, in der Regel 2 Stück — zuweilen auch mehr. Das hing mit der Entwicklung des Zuggeschirres zusammen. Bevor nicht das Brustblattgeschirr allgemein in Gebrauch gekommen war, konnten die Pferde mit dem früher gebräuchlichen Halsgurt die Arbeit des Pflügens nicht bewältigen. Das konnten aber die Zugochsen, die im Stirnjoch angeschirrt waren. Zudem erblickte der Bauer für sich nebenher noch seinen Vorteil im Absatz der Ochsen auf dem Markte. In den erwähnten „Schatzbeschreibungen" sind für die Haustiere in sehr vielen Fällen Einheitspreise eingesetzt; nur bei den Pferden macht man davon eine Ausnahme.

Es wurden angesetzt für
1 Kuh 2,50€
1 Ochsen 355€
1 einjähriges, zweijähriges, dreijähriges Rind 1€, 1,5€ und 2€, 1 Milchkalb 0,50€                                                                      1 Schwein 0,75€
1 Ferkel 0,50€
1 Schaf 0,50€
Der Preis für ein Pferd schwankte zwischen 2,50€ und 7€.

Auch für Getreide gab es einheitliche Preise:
1,50€ für 1 Fuder Roggen
1,50€ für 1 Fuder Gerste
1,50€ für 1 Fuder Hafer
 

Über das Alter der noch heute gebräuchlichen Hofnamen (Hausnamen) in „Weye" und Umgegend läßt sich in den meisten Fällen nichts Näheres sagen. Oft kann man bei ihnen namenbildende Vor- und Familiennamen feststellen. Zum Teil sind sie auf verstümmelte Vornamen zurückzuführen (z. b. Löten auf Lütke — Röten auf Ratken (Kurzform von kadberth). Zuweilen sind die Familiennamen auch als Herkunftsnamen anzusehen, wie z. B. Holsten (aus Holstein), Baden etc. Die Forschung
hat ergeben, daß die etwa um 1100 begonnene Familiennamenbildung um 1300 so gut wie beendet war.
 

Kirchweyhe gehörte in alter Zeit zum Amte Syke. An der Spitze des Amtes stand ein „Amtmann", dem ein Amtsschreiber und ein Justizsekretär zur Seite gestellt waren. Die alten „Gografschaften" (mit der Zeit auch Vogtei genannt) waren den Ämtern unterstellt. Der ehemalige „Gogrefe" wurde nun auch „Amtsvogt" genannt. Der Amtsvogt bekleidete in seinem Vogteibezirke eine wichtige Stellung mit großem Einfluß. Sein Machtbereich erstreckte sich nicht nur auf das Gerichtswesen, sondern griff besonders auf dem Gebiete der Verwaltung tief hinein in das persönliche Leben der ländlichen Bevölkerung.

Die Hörigkeit der Bauern wurde bald nach der Errichtung der „Amtsvogteien" in vielen Teilen nach und nach merklich gelockert; besonders kam das vor, wenn es sich um Familien handelte, die nach „Meierrecht" noch vom Landesfürsten abhängig waren. Hier hat der Amtsvogt bei der Regelung von persönlichen Angelegenheiten aller Art noch jahrhundertelang ein gewichtiges Wort mitgeredet. Mit allem und jedem Anliegen mußten diese Leute zuerst zum Amtsvogt. Wollte jemand auf dem Hofe ein wenig Holz zum Ausbessern von Zäunen, Geräten oder Gebäuden schlagen, Land verpachten oder versetzen, neues Land in der Gemeinheit umbrechen, einen Hof übernehmen oder abgeben, eine Klage einreichen, einen Brautschatz oder einen Altenteil aussetzen, ein Darlehen aufnehmen, wollte sich der Hoferbe verheiraten — in all diesen Fällen mußte der erste Gang der zum Amtsvogt sein.

Bei privat „bemeierten" Bauern führte bei den aufgeführten Vorfällen der erste Weg zu dem zuständigen „privaten Gutsherrn". Wenn der Amtsvogt seine Befugnisse zu seinem Vorteil und zum Schaden und zur Belästigung der Eingesessenen mißbräuchlich überschritt, dann war er bei der Landbevölkerung verhaßt, und es kam zu vielen Beschwerden. Andererseits soll nicht vergessen werden, daß die Vogteieingessenen in seiner Person, besonders in Notzeiten, oft auch einen Helfer und Berater gefunden haben.
 

Die einfachen Amtshandlungen verrichteten in Kirchweyhe (wie auch in anderen größeren Dörfern) der „Untervogt" und der „Bauernvogt". Die Amtstätigkeit des Untervogts bestand in Zustellungen, Ansagen, Vorladungen und ähnlichen niedrigen Amtsgeschäften. Der Bauernvogt vertrat die Markgenossen den Behörden gegenüber. Diese beiden Unterbeamten versahen zusammen die Polizeidienste. Für Verwaltung und Justiz wurden später durch die Gerichtsreform von 1852 zwei selbständige Behörden geschaffen. Die Amtsvogtei als Behörde erlosch bald nach der Errichtung der preußischen Provinz Hannover.


Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges
 

Auch böse Zeiten, wie Seuchen, Krieg und Blutvergießen sind unserer Gemeinde „Weyhe" nicht erspart geblieben.

1350 wütete in Norddeutschland die Pest in grauenhafter Weise, so dass eine ungeheure Anzahl Menschen dahingerafft und dadurch ganze Ortschaften entvölkert wurden. Nach dem Wahne jener Zeit sollte die Pest, die man den „schwarzen Tod" nannte, „bei einem großen Dampf, der von Norden her durch die Luft gezogen kam und schrecklich anzusehen gewesen", entstanden sein. Durch die Dampfwolken seien eine Menge 'Tiere aus der Luft gefallen, deren Verwesung die furchtbare Krankheit verursacht habe.

Sicher ist auch „Weyhe" von der Pest betroffen. Nähere Angaben liegen nicht vor. Wie groß aber das allgemeine Sterben damals war, geht schon daraus hervor, dass allein in Bremen 6966 Personen, das ist der 6. Teil der damaligen Bevölkerung, starben, an einem Tage allein 200. Von den 40-50 Ratsherren blieben nur 10 übrig. Nochmals trat die Pest in den Jahren 1430 und während des Dreißigjährigen Krieges 1624, 1626 und 1627 auf.
 

ln dem Jahre 1623 war das Amt Syke für 300 000 Taler an den König Christian IV. von Dänemark verpfändet worden. Dieser fing damals an, gegen den Kaiser und die katholischen Fürsten zu rüsten und suchte das Amt zum Stützpunkt seiner kriegerischen Maßnahmen zu machen. Im März 1625 rückte die dänische Einquartierung ein. Sie scheint sich nicht gerade beliebt gemacht zu haben; denn viele „Tätlichkeiten" werden von den Dänen berichtet. — Als Christian der IV. bei Lutter am Barenberge geschlagen war, plünderten die Tillyschen Söldnerscharen Norddeutschland aus und verwüsteten es. Für kurze Zeit erhielt „Tilly" sogar das Amt Syke als Pfand (zur Ausbeutung).

Wenige Jahre später, nachdem Tilly abgezogen war, kamen die Schweden und bedrückten das Land.
Eben fing man später an, für kurze Zeit aufzuatmen, als ein neuer Feind, die kaiserliche Armee, heranrückte, die es nicht besser trieb, als ihre Vorgänger.
Die Jahre 1618 und 1645 brachten vernichtende Überschwemmungen. An Kriegsschulden errechnete man schon 1628 für die Grafschaft Hoya die für jene Zeiten ungeheure Summe von 21/2 Mill. Taler. Dabei waren die Bevölkerungsziffern nur gering. Aus dem gleichen Jahre (1628) werden unerschwingliche Contributionen gemeldet mit dem Vermerk: „Das Haus (Burg) Syke" und die „Schanze Dreye" waren beständig mit starker Garnison vertreten. Trotz aller Leiden und Nöte hat der Dreißigjährige Krieg in der „Kirchengemeinde Weyhe" noch lange nicht die Schrecken gezeitigt, wie in den südlichen Teilen des Hoyaer Landes, die mehr in der Kriegszone lagen.

Immerhin war es den Bauern sehr schwer, zeitweise sogar unmöglich geworden, den „Zehnten" und andere „Leistungen" regelmäßig abzuführen. In der Folgezeit haben nun leider auch manche innere Angelegenheiten des Kirchspiels „Weyhe" einen wenig friedlichen Charakter getragen und sogar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Bauernstande und den Inhabern der „adeligen Sitze" in der Gemeinde geführt.


Die Gemeinde Weyhe  zur Zeit Napoleons
 

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Napoleon, der Kaiser der Franzosen, sich anschickte mit seinen Truppen ganz Europa zu erobern, wurde auch unsere Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen. Die Tagebuchaufzeichnungen von Johann Dietrich Koch, Kirchweyhe, geben uns interessante Nachrichten über die Ereignisse in unserer Gemeinde.
 

Unsere Gegend gehörte 1803 zum Kurfürstentum Hannover. König Georg der von England war zugleich Kurfürst von Hannover. Napoleon war ein Feind Englands und deshalb auch ein Feind Hannovers. Zu Lande konnte er England nicht erreichen, und zur See war er diesem Gegner nicht gewachsen. Am 16. Mai 1803 rückte deswegen der französische General Mortier mit 16 000 Mann von Holland her ins Kurfürstentum Hannover ein.

In Hannover verbreitete sich darüber ein nicht geringer Schrecken, denn General Wallmoden hatte nur 8000 schlecht bewaffnete Soldaten. Zwar hatte man im Frühjahr 1803 in Hannover noch 23000-24000 Mann Rekruten ausgehoben und größtenteils nach Hameln und anderen Festungen gebracht. Als die Franzosen aber ins Land einfielen, entließ man die jungen Soldaten.

Graf Wallmoden erhielt die Weisung, nur wenig zu schießen und das Bajonett mit weiser Mäßigung zu gebrauchen. Bei Sulingen trafen die Heere aufeinander. Es kam nicht zum Kampfe. Ein Kriegsrat wurde abgehalten und darauf im Hause des Superintendenten Lodemann in Sulingen ein Vertrag abgeschlossen.

Die hannoversche Armee musste sich hinter die Elbe zurückziehen und wurde hier nach einem neuen Vertrage aufgelöst. Waffen und Pferde fielen in die Hände der Franzosen. Diese besetzten außerdem das ganze Land.

König Georg III. wollte als König von England von dem Sulinger Vertrage nichts wissen, aber nur zum Schaden seines Landes, denn nun musste Hannover lange Zeit 30 000 französische Soldaten vollständig ernähren und unterhalten. Viele junge Hannoveraner begaben sich in dieser Zeit nach England, und traten dort in die „Königlich Deutsche Legion", die sich im Kampfe gegen die Franzosen besonders in Spanien und Portugal ausgezeichnet hatte.
 

Endlich, am 14. September 1805, zogen die Franzosen aus unserer Gegend ab. Preußen durfte das Kurfürstentum Hannover besetzen. Doch schon ein Jahr später trat es selbst in den Kampf gegen Napoleon ein. Im Frieden zu Tilsit 1807 kam unsere Gegend dann zum Königreich Westfalen, in dem Napoleons Bruder Jerome regierte. 1810 wurde die ganze Grafschaft Hoya, wozu auch Weyhe gehörte, mit Frankreich vereinigt. Die hiesige Gegend gehörte zum Verwaltungsbezirk der Weser -und Elbmündung. Der oberste Beamte dieses Bezirks war ein Präfekt; er wohnte in Bremen. Der Bezirk zerfiel in kleinere Bezirke und weiter in Kantone — etwa wie unsere Kreise —, wobei Syke wohl der Mittelpunkt unseres Kantons gewesen sein wird.
 

Der Gemeindevorsteher einer jeden Ortschaft wurde Maire genannt. Er hatte den Weisungen der französischen Regierung unbedingt und sofort Folge zu leisten. Als Vertreter der Landgemeinde Kirchweyhe waren gewählt worden: Für die Meierklasse Friedrich Meier und Gerke Block, für die Halbmeier Johann Wiechmann und Klaus Block, für die Kötner Johann Warnken und Johann Heinrich Schumacher, für die Brinksitzer Dietrich Koch und Heinrich Schierenbeck. Diese 8 Personen wurden Munizipalräte genannt. Im Mai 1810 musste die ganze Bauernschaft von Kirchweyhe in der Kapelle zu Syke Napoleon den Eid der Treue leisten; ebenso die Geistlichen im Jahre 1811. Am darauffolgenden Sonntage wurde die Zugehörigkeit zu Frankreich in allen Kirchen von den Kanzeln angesagt. So blieb Hannover französisch bis zum Ende des Jahres 1813.


Der erste Weltkrieg 1914 - 1918
 

Der 2. August 1914 war für das deutsche Heer der 1. Mobilmachungstag. Der Aufmarsch der deutschen Streitkräfte konnte, durch eine mustergültige Planung und Organisation, in allen Einzelheiten reibungslos durchgeführt werden. Auch die großen Gleisanlagen des Bahnhofs Kirchweyhe spielten hierbei eine sehr beachtenswerte Rolle. Bis zum 9. August fuhr auf dem Kirchweyher Bahnhof fast alle halbe Stunde ein Militärzug ein und später in Richtung Osnabrück wieder aus. Früh am 1. Mobilmachungstag wurden auf dem Bahnhofe Kirchweyhe (Westseite) sieben große Baracken (mit Kücheneinrichtungen und Speiseräumen usw.) für die Verpflegung der Truppen errichtet. Damit wurde unserem Ort die Aufgabe einer bedeutenden Kriegs-Verpflegungsanstalt für die ganze Dauer des Krieges zugewiesen. Gleiche Anlagen wurden auch in Bassum, Diepholz und Osnabrück eingerichtet. Alle Truppentransporte erreichten ohne Verzögerung den befohlenen Einsatzort.

Der Krieg zog sich in die Länge. Wirtschaftliche Schwierigkeiten ergaben sich für Deutschland in steigendem Maße.

Nur geringe Warenmengen kamen noch vom Ausland herein; eine Aushungerung Deutschlands war geplant.

In den landwirtschaftlichen Betrieben vollzog sich ein grundsätzlicher Wandel.

In diesem Zusammenhange möchte ich den Tagebuch-Aufzeichnungen eines Einwohners aus unserer Gemeinde folgen, der als Eisenbahnbeamter (im Nebenberuf Landwirt) jene Zeit miterlebte und die einzelnen Geschehnisse mit Gewissenhaftigkeit aufzeichnete.

Die Schweinemästerei in hiesiger Gegend kam zum Erliegen, weil bald die Futtermittel (besonders Gerste vom Ausland) knapp wurden. Jeder Eigentümer, ob Landwirt, Mietsmann, Pächter usw., mästete damals in der Vorkriegszeit 10, 50 oder 100 Schweine und setzte dreimal im Jahre um.

1´Sack  Gerstenmehl wog 130 Pfund. [enorme Mengen an Gerstenmehl waren zu dieser Schnellmast erforderlich. Ein Sack Gerstenmehl kostete in normalen Friedenszeiten 10-13 Mark. Jetzt stiegen diese Preise gewaltig, schon im ersten Kriegswinter auf 70-75 Mark pro Sack. Die Preise für Schlachtschweine beliefen sich (kurz vor dem Kriege) auf 50 -60 Mark pro 100 Pfund  Lebendgewicht, zogen dann aber im Kriegswinter 1914/15 auf 120 - 130 Mark an.

Mit der Schweinemast im bisherigen Umfange war es vorbei. Der Normalverbraucher konnte sich für den Eigenbedarf kaum noch Fleisch kaufen.

 

 

Nachkriegsereignisse

(Nach Berichten der „Weser-Zeitung" und des „Bremer Tagblatts")

 Als Ende 1918 die Matrosen in Kiel gemeutert hatten, erhob sich auch in Bremen alles, was den bisherigen Staat verneinte. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, Versammlungen abgehalten, das Rathaus besetzt und die heimkehrenden Soldaten entwaffnet. Eine völlige Verwirrung trat in der alten Hansestadt ein und man hoffte, dass ein besonderes Ereignis diese bewegte Zeit beendete.

Die Regierung in Berlin entschloss sich im Januar 1919 den Bremer Unruhen ein Ende zu machen. Am Ende des Monats war in Verden eine Division unter dem Obersten Gerstenberg angekommen, der sich zahlreiche Bremer Freiwillige anschlossen. Ein Freikorps unter dem Major Caspari organisierte sich.

Am Dienstag, dem 4. Februar 1919 zwischen 7 und 7:30 Uhr trat die Division Gerstenberg den Vormarsch vom Hauptlager Kirchweyhe aus an. Zu ernstlichem Widerstand kam es zunächst nur in der Nähe der Ziegelei bei Dreye. Der Plan für die Niederwerfung des Widerstandes sah, abgesehen von der Fernhaltung des Zuzugs vom Osten und vom Norden her, ein Vorgehen zu beiden Seiten der Weser vor. Links der Weser hatte die dritte Landesschützenbrigade und das bremische Freikorps Caspari das Ziel, die Brücken und das Zentrum der Stadt zu gewinnen, während die Marinebrigade, die sogenannte „Eiserne Division", rechts der Weser über Hemelingen und Hastedt, sowie über Horn dem Bahnhof zustrebte. So etwa stellte sich dem Nichteingeweihten die Lage dar. Am frühen Nachmittag war das Ziel auch im Wesentlichen erreicht.

Die Truppen waren bereits im Vormarsch begriffen, als der Divisionsstab Verden gegen 10 Uhr verließ. Die künftige bremische Regierung und andere Bremer Herren folgten in Autos. Die, welche ein Informierungs- und Berichterstatter-Interesse nach Verden geführt hatte, nahmen kurzerhand die Gelegenheit wahr, auf einem der Lastautos mitzufahren. Eine seltsam gemischte Truppe ist auf unserem Wagen. Hier frischblickend Mariner mit einem Totenkopf auf der blauen Mütze, dort das schwarze Band der Artillerie, hier der Römerkopf mit der deutschen Sturmhaube, aus allen Teilen des Vaterlandes stammend und doch eins in dem Willen, Soldat und es ganz zu sein. Drohend überragt das schwere Maschinengewehr die „Reling" des Wagens, wie ein Matrose sich ausdrückt. Munitionskästen, Generalstabskarten usw. werden verstaut, die Gewehre und Revolver geladen, die Maschinengewehrstreifen eingezogen.

Die eingefrorenen Autorohre wurden mit flammendem Benzin und dank dem geduldigen Humor des Berliner Chauffeurs endlich erwärmt, das Plantuch, dem leise herabfallenden Schnee zu wehren, über das Bogengestell gezogen, und fort rattert die Schlange der Autokolonne von der Mittelschule zu Verden nach Bremen.

Bremen? Niemand nimmt an, dass man sobald dort sein wird, und doch meint ein Berliner Junge nach der ersten halben Stunde, .dass es nicht mehr lange dauern könne. Die Sonne dringt etwas durch den frühen Winterhimmel. Das schützende Tuch wird heruntergezogen, und frei blickt das Auge in die niedersächsische Winterlandschaft. Vorüber an Aller und Weser auf Thedinghausen und Kirchweyhe zu. Krieg? Bürgerkrieg? Die Soldaten erzählen von Russland, Libau und Finnland, die Zigaretten qualmen, und die bäuerlichen und bürgerlichen Anrainer der großen Heerstraße winken fröhlich. Ihre Einbildungskraft, darauf lassen Zurufe schließen, ist stärker, als die Dinge in Bremen sich selbst wohl naiven Beobachtern darstellen würden.

 Es geht unter grünen Bogen, die noch seit dem Truppeneinzug die Wege überspannen, durch, Die Stehenden müssen sich bücken, und es stehen viele, denen die Füße eiskalt sind und die der Bewegung aus drangvoll fürchterlicher Enge bedürfen. Kalt pfeift der Wind in die grauen Mäntel. Plötzlich ein Ruck in allen Köpfen: Das erste Opfer, ein Schimmel, den irgendeine verirrte Kugel getroffen haben mag, liegt am Wege. Richtig, man ist an der Kriegszone.

Die Kampfgewohnten erzählen wieder. Etwas vom alten frommen Landsknecht Geist ist in ihnen. Von gar nicht so weit her melden Kanonenschüsse die Front an. Die Habenhausen Arstener Gegend naht, die Gewehre werden in die Hand genommen, und die Bewohner dieser Gegend, die schon etwas Krieg gespürt haben, deutet auf uns paar Zivilisten, die man für gefangene Spar takisten hält. Doch die Front ist längst vorausgeeilt, als der Divisionsstab, und was sich ihm angeschlossen hat, um 3 Uhr beim Kaffee Siel, nahe dem Endpunkt der Straßenbahnlinie 4 an der Habenhausener Heerstraße, halt macht.

Eine große Menge von Wagen staut sich dort. Drinnen ein geschäftiges Leben und Treiben. Der Stab zieht sich in ein ruhigeres Heim zurück. Hier hört man zuerst von Leuten, die den Vormarsch mitgemacht haben, dass alles ziemlich glatt abgelaufen ist. Das Korps Caspari, das hervorragend draufgegangen sei, habe auch das Geschütz der Gegenseite erobert (an der kleinen Brücke der Osterstraße soll ein Geschütz der Spartakisten gar nicht erst zum Schießen gekommen sein, ob hier das Freikorps angriff, konnten wir nicht feststellen). Das Freikorps habe auch die meisten Verluste zu beklagen. Es wird von einer Anzahl von Schwerverwundeten gesprochen. Der eigentliche Widerstand habe erst mit der Stadtgrenze begonnen. An der Ecke der Arster und Habenhauser Heerstraße war die erste Barrikade gewesen; sie wurde mit einigen schweren Schüssen weggefegt.

Gleichzeitig trifft auch die Meldung ein, dass Minenwerfer auf dem linken Weserufer Aufstellung genommen haben und die Altstadtseite der Weserbrücke, vornehmlich die besetzte Union, sturmreif machen sollen. Bald hört man das Rollen. Am Deich unweit der Heerstraße fahren zwei Geschütze auf, die sich dasselbe Ziel nehmen. Derweil zieht auf der Heerstraße selbst in langer Reihe neue Artillerie herbei. Reiter mit Stahlhelmen, Geschütz auf Geschütz und immer noch neue Soldaten — was mag sich hinter den Stirnen der staunenden Menge auf der Straße abspielen? Sie hat glasübersäte Straßen der Buntentorsgegend gesehen und den Kampflärm in unmittelbarer Nähe miterlebt. Ein alter Arbeiter, dessen Sympathien ungeteilt sind, wirft spöttisch in die Menge: seit 12 Uhr lägen die Gerstehberger vor der Weserbrücke und würden sie nie nehmen.

In der Vahr auf der andern Seite lägen nur 50 Kulis und die ganze Division der Eisernen entwickelte sich dagegen und sei keinen Schritt weiter gekommen. Andere wollen wissen, dass 3000, 5000, 10 000 Spartakisten von Hamburg, die Unterweser aufwärts kommen usw. Dann ruft eine Frau dazwischen, die eben erst ihren 16jährigen Jungen vom andern Ufer über die Weserbrücke zurückerhalten hat, „das hätte doch alles nicht sein brauchen, warum haben die Arbeiter die Waffen nicht abgeliefert". Zustimmung und resignierter Widerspruch. Ja warum? In vielen Köpfen, die mit den Gerstenbergern Zwiesprache austauschen, dämmert es auf: Hier ist einheitliche Führung, ein Regierungswille; dort in Bremen war Zerfahrenheit, Gegeneinander arbeiten, und keiner konnte die Verantwortung für das eigenmächtige Tun des andern, des Untergebenen übernehmen.

Ordnung ist nun einmal undenkbar ohne Unterordnung. Der erste Anschlag der neuen Regierung, das gelbe Plakat, mit den Namen der Mehrheitssozialisten Rhein, Dammer, Deichmann, Wellmann, Winkelmann klebt bereits an den Straßenecken der Neustadt, während noch der Kampf um die Brücken tobt. Daneben der weiße Zettel der den Belagerungszustand erklärt, der Gerstenberg im Auftrage der Reichsregierung sprechen lässt und kurz und bündig ausspricht, was ist. Wird man heute noch die Brücken nehmen? Der Widerstand scheint doch stärker, als zuvor vielleicht angenommen wurde, und die Dunkelheit verbietet bald das Straßengefecht.

Von der andern Seite der Weser erfährt man nichts. Die allzeit gerüchtefrohe Menge weiß Ungeheuerliches. Also wird es für die Regierungstruppen doch besser stehen: denn so ist es immer. Die „Eisernen" haben ihre Erfahrung. Auf Umwegen gelangt man zur Front der Weserbrücke, der Wachtstraße zu. Pausen, Unterhandlungen? Neue Kanonenschläge, dann Domglockenläuten:

Der Roland gehört denen, die die Mehrheit des Volkes, des bremischen, wie deutschen vertreten. Auf dem Wege zur „Weser-Zeitung" zeigt sich, dass nach Westen hin langsam die bewaffneten Arbeiter zurückgedrängt werden. Am Brill haben sie sich festgesetzt und bestreichen die Hutfilterstraße. Im Geschäftshause der „Weser-Zeitung" sind drei Scheiben dem Kampf zum Opfer gefallen, hört der Schreiber dieses Berichts später. An der Ecke der Ansgariikirche prallen mit hartem Klang die Maschinengewehrgeschosse ab. Neugierige ducken sich, verstohlen herum lugend nach den Schützen am Brill, in die Hauseingänge. Hinten durch die Molkenstraße ist der Zugang Leichter. Dort sind wir bald in der Zeitung, um — zu berichten.

 

1. April 1923
1 Milchkuh = 2 -3 Millionen Mark
100 Pfund Mehl = 70 000-75 000 Mark
1 Paar Damenstiefel = 100 000 Mark und darüber.
1 guter Anzug = bis 500 000 Mark

Lohnsatz für 1 Handwerkerstunde = 1400 — 1500 Mark
 

5. August 1923
1 Dollar = 1 1000 000 M.
Nach dem Stand des Dollars richten sich die Preise für die Lebensmittel und alle Gebrauchsartikel.
 

1 Ztr. Mehl 1 300 000 Mark
1 Pfd. Weizenmehl = 45 000 Mark
1 Paar Schuhe = über 1 000 000 Mark
1 Ztr. Heu oder Stroh= 190 000 Mark
1 Ferkel (6-7 Wochen alt) = über 1 000 000 Mark
Schweine — pro Pfund lebend = 100 000 Mark
1 Milchkuh = 60 000 000 M.
1 Pfd. Butter = 52 000 Mark
1 Ei = 9000 Mark
 

Die Arbeitslöhne und Gehälter stiegen dauernd, kamen aber immer 8 bis 14 Tage in ihrer Aufwärtsbewegung für die Warenverteuerung zu spät. Die Fuhrwerksbesitzer verlangen jetzt — die Gespannstellung ab Stall gerechnet — pro Stunde = 100 000 Mark
Bauhandwerker — pro Stunde = 37 300 Mark
 

12. August 1923
1 Pfd. Butter 500 000 bis fast 1 Million Mark
1 Ei = 25 000 Mark
1 Pfd. Margarine = 1 000 000 Mark
1 Pfd. Weizenmehl = 100 000 Mark
 

Für 1 Zentner Gersten-Futtermehl wurden am 8. und 9. August schon einmal 10 Millionen M gefordert; der Preis fiel dann aber wieder um 800 000 Mark
Für einen neuen Emaille-Milchtopf wurden zu diesem Zeitpunkt auch schon 2 500 000 Mark verlangt.
 

30. September 1923
1 Pfd. Butter = 70 Millionen Mark
1 Ei = 5 Millionen Mark
1 Pfd. Speck (Schmalz) =. 60 Millionen M; zunächst ging dieser Preis wieder zurück auf 28 Millionen M.
Der Preis für Roggen, Gerste, Hafer und Weizen war in dieser Zeit schwankend zwischen 300 bis 600 Millionen M je Ztr. 1 Pfd. Weizenmehl = 10 Millionen M.
 

28. Oktober 1923
1 Pfd. Butter = 20 -25 Milliarden Mark
1 Ei = 1 Milliarde 100 Millionen Mark
1 Ztr. Futtermehl = 150 -160 Milliarden Mark

Handwerkerlohn pro Stunde = 3,7 Millarden Mark
 

2. Dezember 1923
Die Inflation hatte ihren Höhepunkt erreicht.
Anfang Oktober 1923 erschienen Milliarden-Geldscheine im Verkehr. Anfang November 1923 erschienen Billionen-Geldscheine im Verkehr.

Am 15. November 1923

wurde „wertbeständiges Geld" eingeführt durch die „Rentenmarkscheine" und „Schatzanweisungen" bei Angleichung an den Wert des amerikanischen Dollars (= 4,20 Mark unserer früheren Mark-Währung).
 

Sofort setzte eine Preissenkung für alle Waren ein. Die Mehlpreise waren noch kurz vor der „Stabilisierung" auf 30 Billionen Papier-Mark für 1 Ztr. hochgeklettert. Nun aber konnte man schon den Zentner für 15 bis 16 Billionen Papier-Mark oder für 11 — 12 Rentenmark kaufen.
Zwar behielten die Papiergeld-Scheine noch einige Zeit ihre Gültigkeit zur Verrechnung, da noch nicht sofort genügend „wertbeständiges Geld" in Umlauf gebracht werden konnte. Die Zeit des „Schleichhandels" und des „Schwarzen Marktes" gehörte bald der Vergangenheit an, und der „Schieber" (Wucherer) fand kaum noch lohnende Beschäftigung. Der Wert des Geldes lief den Leuten nicht mehr unter den Händen weg. Ehrliche Arbeit gelangte wieder zu erhöhtem Ansehen.
 

18. Mai 1925
Im Laufe des Jahres 1924 wurden die Billionen- und Milliarden-Geldscheine usw. außer Kurs gesetzt, und an ihre Stelle trat „wertbeständiges" Geld (Rentenmark-Reichsbanknoten, Silber- und Kupfermünzen usw.). Die neue Währung ward als Goldwährung bezeichnet.

Der Krieg 1914/18 war 1919 durch das Versailler Friedensabkommen beendet. Ungeheure Lasten hatte dieser Vertrag dem deutschen Volke auferlegt. (Gebietsverluste, Reparationsleistungen, unvorstellbare Summen für die Zahlungen von Kriegsentschädigungen. Die Folgen des Krieges legten das gesamte Wirtschaftsleben Deutschlands lahm.

Politische Zerrissenheit im Innern unseres Volkes bedrohte die Einheit Deutschlands. Das Gespenst der „Arbeitslosigkeit" wuchs von Monat zu Monat und führte zur Verelendung großer Volksmassen.

 

 

 


Der Zweite Weltkrieg

Fliegerangriffe

Vor Ausbruch des Krieges 1939 hatte sich die Luftfahrt sprunghaft weiter entwickelt. Die verschiedenartigsten Flugzeuge waren immer mehr vervollkommnet und für Zwecke des Krieges nutzbar gemacht worden. Jeder Staat war auf die Verstärkung seiner „Luftwaffe" bedacht. Es bestand kein Zweifel, dass sie einmal im „Kriegsfall" eine überaus wichtige Rolle spielen würde. Es gab unter den Flugzeugen: Beobachtungsflieger, Aufklärer, Kampf- und Schlachtflieger, Jäger und Bomber. Bei ihrem Einsatz wurde nunmehr auch die Zivilbevölkerung in dem Gebiet von Kirchweyhe hinter der kämpfenden Front in erhöhtem Maße bedroht. Der Reichs-Luftschutz-Bund (später eine gesetzlich geregelte Organisation) hatte dementsprechend Schutz- und Abwehrmaßnahmen getroffen. Das nordwestdeutsche Küstengebiet galt gegenüber der englischen Luftwaffe als besonders gefährdet. Mit den Angriffen feindlicher Flieger auf kriegswichtige Ziele (Verkehrsanlagen — große Ausdehnung des Bahnhofs Kirchweyhe) musste gerechnet werden. Gleichwohl trat der „Luftkrieg” 1939 weniger in den Vordergrund. Erst 1940, als der Kampf gegen Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich beendet war, änderte sich in dieser Beziehung das Gesicht des Krieges. Im Sommer des Jahres 1940 ging die Luftwaffe zu starken Angriffen (25. 8. 40 bis 7. 9. 40) auf das britische Staatsgebiet (besonders London) über. Gegenangriffe der Engländer folgten.

In der Nacht vom 19. zum 20. Juli 1940 wurden in der Nähe von Kirchweyhe  in der großen Kuhweide und auf „Daneken Kamp" usw. von englischen Fliegern 10 Bomben abgeworfen. Sieben davon krepierten sofort, eine genau 12 Stunden später (Zeitzünder) mittags gegen 13 Uhr; zwei waren Blindgänger. Dieselben mussten zunächst 7 Tage unberührt liegen bleiben. Wachen (Entfernung 500 m) wurden gestellt durch die Feuerwehr usw. Am 27. Juli, vormittags 10.45 Uhr, wurde eine Bombe davon (5 Ztr. schwer) durch Feuerwerker aus Bremen in die Luft gesprengt. Feuerwehrmänner aus Kirchweyhe hatten dieselbe vorher im Boden freigelegt. Verwendet wurden als Sprengstoff 2 kg Dynamit mit Zündschnur.

Die Detonation war gewaltig. Sprengstücke flogen noch über Wittrocks See hinaus. Die andere Bombe lag etwa 6 Meter tief und wurde ohne vorherige Sprengung  mit Erdmassen zugedeckt.

In der Nacht vom 12. zum 13. August 1940 wurde zwischen Dreye und Ahausen ein englischer Bomber von einer Flak-Batterie, die im „Wielt" (Sudweyhe) in Stellung gegangen war, durch Volltreffer abgeschossen. Das Flugzeug ging vollständig in Trümmer; die gesamte Besatzung kam ums Leben. Nur geringe Überreste lagen in Stegmanns Weide (Raum zwischen Landstraße und Deich, Wielt-Damm und Ahausen). Die abgeschossenen englischen Flieger wurden am 17. August vormittags 10 Uhr auf dem Friedhofe in Kirchweyhe mit militärischen Ehren beigesetzt.

Während der Zeit vom 22. August bis 16. Dezember 1940 wurde in Kirchweyhe 58mal nächtlicher Fliegeralarm gegeben; die Angriffe der britischen Luftwaffe konzentrierten sich besonders auf die Nachtzeit., Die Bevölkerung war gezwungen, mit geringen Unterbrechungen, fast allnächtlich den Luftschutzkeller aufzusuchen, um dort bisweilen stundenlang auszuharren. Gewaltige Strahlenbündel der Scheinwerfer huschten über den nächtlichen Himmel, rote Leuchtbomben markierten den Zerstörungsweg der Feindflieger, und heller Feuerschein kennzeichnete oft die Einschlagstellen der abgeworfenen Brandbomben. Wenn dann die Erde erzitterte beim Aufschlag der Sprengbomben, und die Häuser erbebten beim pausenlosen Feuer der schweren Flakgeschütze, dann waren damit die Nerven der Menschen stetig einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Feindliche Luftangriffe richteten sich im Laufe der Zeit besonders gegen solche Städte usw. im deutschen Reichsgebiet, die in ihrer näheren oder weiteren Umgebung wichtige Betriebe der Kriegswirtschaft umfassten. Sie waren zwar durch eine verstärkte „Fliegerabwehr" anfangs gut gesichert, galten aber dennoch als besonders „luftgefährdet". Zu solchen Orten gehörte auch Bremen.

Wenn damals in manchen Kreisen der hiesigen Bevölkerung die Meinung verbreitet wurde, „der Feind wolle Bremen schonen", so sollte man darüber bald eines Besseren belehrt werden. Die Alliierten setzten die Luftangriffe unvermindert fort, und wir in Kirchweyhe haben bei der geringen Entfernung von Bremen  ein gutes Stück davon miterleben müssen.

Zu Beginn des Monats April 1945 bestand kein Zweifel mehr darüber, dass der Krieg für Deutschland eine vollständige Niederlage bringen würde. Die Alliierten waren im Westen, Osten und Süden tief in das Reichsgebiet eingedrungen. Ihre Panzer rückten besonders vom Westen her täglich und stündlich weiter vor, und damit war schließlich auch Kirchweyhe Kriegsgebiet geworden. Die deutsche Wehrmacht befand sich mit ihren geschlagenen Verbänden vollständig in der Auflösung; sie konnte nirgends einen nennenswerten Widerstand mehr leisten. Gleichwohl wurde durch „Radio" die Meldung verbreitet: „Bremen nimmt den Verteidigungskampf auf." Eine starke Aufregung machte sich in der hiesigen Bevölkerung bemerkbar; Gerüchte verschiedenster Art durch schwirrten die Luft. Fanatische Parteiführer wollten der alten Hansestadt also auch nicht die letzten Schrecknisse dieses furchtbaren Krieges ersparen, und dass hierbei auch die weitere Umgebung von Bremen in Mitleidenschaft gezogen wurde, war jedem klar.

Der Eisenbahnverkehr nach Westen (Osnabrück — Münster usw.) geriet immer mehr ins Stocken und kam schließlich ganz zum Stillstand. Feindliche „Tiefflieger" nahmen die ausgedehnten Bahnhofsanlagen von Kirchweyhe täglich als Angriffsziel unter Feuer. Ein Fliegeralarm jagte den anderen. In der Nacht vom 6. zum 7. April 1945 wurde ein Teil des hiesigen „Volkssturms" alarmiert. Sammelpunkt: Neue Schule. Bei äußerst mangelhafter Ausrüstung und nach stundenlanger Verzögerung konnte er in den frühen Morgenstunden (per Auto) in Richtung Bassum in Marsch gesetzt werden. Die meisten Führer blieben (angeblich befehlsgemäß!) zurück. Ein trauriges Kapitel für sich! Die Volkssturmmänner kamen nur bis Nordwohlde, und da auch dort keinerlei Verbindung mit der Kreisleitung der Partei in Syke zu erreichen war, geschweige denn von einer einheitlichen Führung (auch durch die Wehrmacht) die Rede sein konnte, erfolgte die Auflösung. Die Leute waren gegen Abend wieder bei ihren Familien. Am anderen Tage erfolgte die Waffenabgabe. Am 7. April 1945 (Sonnabend) schon wurde auf dem Bahnhof Kirchweyhe Grubenholz (aus den liegen gebliebenen Transportzügen) in großen Mengen an die einheimische Bevölkerung verteilt und verkauft.

Ein Sonderzug war gegen Abend im Bahnhof zur Aufnahme wichtigen Dienstgutes usw. der Reichsbahn bereitgestellt. Als dann am Sonntag-Vormittag die Alarm-Sirene zum letzten Male ertönte, verließ kurze Zeit darauf dieser Zug mit zahlreichen Bahnbeamten usw. unsere Heimatstation in Richtung Bremen und Unterweserorte, um gleichzeitig die befohlene allgemeine Absatzbewegung von der Kampffront einzuleiten.

Einheiten der hier bislang noch stationierten Eisenbahn - Flak waren schon mehrere Tage vorher „zurückverlegt". Inzwischen wurde Kirchweyhe von Teilen der Waffen-SS besetzt. Panzersperren mussten an verschiedenen Punkten der Hauptstraßen gebaut werden; die Feind-Panzer standen aber bereits in Sudweyher-Heide, Jeebel und Lahausen. Die ersten Zusammenstöße erfolgten. Am Sonntag-Nachmittag, da  gingen in Lahausen die Gehöfte von H. Niemeyer und H. Brüning (Cohrs) in Flammen auf. Am Abend verkündete roter Feuerschein von Riede usw. her, dass auch hier der Krieg sein furchtbares Zerstörungswerk begonnen hatte. Von der Führung der SS-Truppen war es der Einwohnerschaft von Kirchweyhe bei schärfster Strafandrohung untersagt, die weiße Fahne zu zeigen. Was sollte dieses zwecklose Beginnen? Grenzte es nicht an Wahnsinn? Deutsche Soldaten viele noch nicht 20 Jahre alt) mit dürftiger Ausrüstung und ohne wirksame Unterstützung durch schwere Waffen wurden hier in einen vollkommen aussichtslosen Kampf gejagt, zum Unheil der Bevölkerung und ihrer Wohnungen. Eine ungeheure Spannung lag auf allen Gemütern. Wertvolles Hab und Gut, Lebensmittel-Vorräte usw. wurden in die Kellerräume gebracht oder gar vergraben und versteckt.

Der Kampf um Kirchweyhe entbrannte am Montag 9. April 1945 in den Vormittagsstunden. Brennpunkte des Kampfes waren zunächst der Ortseingang beim Umspannwerk und Friedhof und die Umgebung der Kirche. Feindpanzer erschienen von Sudweyhe her am Ellernbruch und im Mühlengrunde, und andere drangen durch das Dorf Sudweyhe — ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen — langsam zur Straße nach Ahausen, Dreye und weiter zum Gelände bei der früheren Ziegelei von Esdohr vor. Der Gefechtslärm begann.

Panzergranaten schlugen hier und da krachend ein. Aus den Deckungsgräben der Kleinbahn auf der Geest und hinter schützenden Mauern anliegender Gebäude vernahmen man den scharfen Peitschenknall der Maschinen - Pistolen und Gewehrschüsse. Dazwischen hämmerten die Feuergarben der Maschinengewehre. Bald standen die ersten Gebäude in Flammen. Die Brandgranaten der englischen Panzer hatten ihre Wirkung getan. Dicke Rauchschwaden zogen über unser Dorf Kirchweyhe. Es brannten nach kurzer Zeit verschiedene Häuser.

Aufwirbelnde Staubmassen verrieten immer neue Einschläge. Kirche und Turm wurden mehrfach getroffen; das aufflackernde Feuer wurde  durch den tapferen Einsatz menschlicher Hilfskräfte aus der Nachbarschaft gelöscht.

Bei Kehlenbeck (bei der Schule) suchten mehrere Granaten ihren Weg durch die Küche. Der gerade hier anwesende Hauseigentümer blieb wunderbarerweise unverletzt. Auch die neue Schule wurde vom Beschuss unmittelbar bedroht. Sie war ursprünglich als Luftschutz-Verbandsstation vorgesehen und eingerichtet. Schnell wurde die vorgeschriebene „Rote Kreuz Flagge" behelfsmäßig hergestellt und weithin sichtbar gezeigt. Damit war die größte Gefahr gebannt. überall an den Häusern waren nach und nach weiße Fahnen sichtbar geworden. Die Ortsteile „Kuhzaun" und „Reethop" wurden nicht mehr unter Feuer genommen. In den Mittagsstunden war der Bahnhof von englischen Truppen besetzt. Deutsche Truppen ergaben sich zum Teil und marschierten einzeln und gruppenweise in die Gefangenschaft. Immer mehr Panzer und Autos erschienen im Mühlengrunde. Vor und auf dem Friedhof tobte der Kampf mit besonderer Heftigkeit. Die Kapelle erhielt zahlreiche Treffer. Viele Grabdenkmäler zeigten Spuren des Kampfes.

Zwischen den Gräbern hielt der Tod seine Ernte. Ein englischer Panzer stieß von der Sudweyher Wassermühle aus auf einem schmalen Waldweg durch den Ellernbruch zum Kirchhof vor und schickte seine verderben bringenden Geschosse aus nächster Nähe in die Häuser des Dorfes, sobald sich nur ein deutscher Soldat blicken ließ.

Alliierte Flugzeuge warfen Flugblätter in großen Mengen ab.

Am Nachmittage ebbte das Kampfgetöse mehr und mehr ab. Der sinnlose Widerstand der Waffen-SS war gebrochen. Kirchweyhe wurde dem Kommando der britischen Angriffstruppen übergeben. Panzer durchfuhren die Hauptstraßen, englische Infanterie folgte und richtete sich zur Verteidigung der Ortschaft (in Richtung Dreye — Arsten — Bahnlinie Bremen-Osnabrück) sofort ein. Zahlreiche Wohnhäuser mußten für die Engländer in kurzer Frist geräumt werden. Im Kellergeschoß der  Schule fanden teilweise schon vorher mehrere Familien Platz. Jede Familie brachte Lebensmittel-Vorräte, einige Möbelstücke und Hausgerät usw. nach Möglichkeit mit. Der Unterrichtsraum der Berufsschule für Mädchen, mit seinen guten Kocheinrichtungen kam dem Zusammenleben in dieser Notgemeinschaft sehr zu statten. Gleichzeitig wurde dieselbe Klasse als Verbandsraum für das „Deutsche Rote Kreuz" eingerichtet. Wie nicht anders zu erwarten war, hatten die Kampfhandlungen am 9. April 1945 auch unter der Zivilbevölkerung von Kirchweyhe zahlreiche Opfer gefordert.

Nun lag Kirchweyhe direkt in der Kampffront der Engländer gegen Bremen. Die Häuser wurden nach versteckten Soldaten und Waffen durchsucht. Ein Befehl der britischen Orts-Kommandantur regelte den gesamten Verkehr der Einwohnerschaft.

Befehl der Britischen Orts-Kommandantur (Military Gouvernement) zu Kirchweyhe vom 10. April 1945.

An alle Einwohner!

1. Keiner darf seine Wohnung verlassen von 8 Uhr abends bis 7.30 Uhr morgens. Wenn man trotzdem während dieser Sperrzeit ausgeht, wird man erschossen.

2. Frauen, Mädchen und Kinder unter 12 Jahren können ausgehen von 10-11 Uhr morgens und von 15-16 Uhr nachmittags, um Einkäufe zu tun, das Vieh zu versorgen usw. Sie dürfen aber nicht zu einem anderen Dorf gehen.

3. Männer dürfen überhaupt nicht auf die Straße gehen. Frische Luft können sie im Garten ihres Hauses bekommen.

4. Alle Waffen und Munition muss man sofort abliefern. Wer dies nicht tut, wird nach den Kriegsgesetzen bestraft.

5. Alle Rundfunkapparate, Fernsprecher und Lichtbildapparate müssen in der Wohnung zusammengebracht werden für Inspektion. Sie dürfen eben genannte Apparate nicht benutzen.

6. Alle Wehrmachtsangehörigen in Uniform oder in Zivil müssen sich als Kriegsgefangene beim nächsten britischen Soldaten melden. Dies gilt nicht für frühere Wehrmachtsangehörige, die beweisen können, dass sie freigestellt waren. Wenn ein deutscher Soldat es trotzdem wagen sollte, sich irgendwie zu verstecken, dann sind die Bewohner des Hauses dafür verantwortlich und werden nach den Kriegsgesetzen bestraft.

Es soll in diesem Zusammenhange nicht unerwähnt bleiben, dass der britische Soldat gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung in den Kampftagen und auch später im allgemeinen keine ausgesprochen feindselige Haltung annahm. Der Umgang mit den deutschen Kindern gestaltete sich sogar recht freundlich.

Der Kampf gegen das bremische Gebiet ging weiter. Auch Gegenmaßnahmen von deutscher Seite sollten sich bald bemerkbar machen, und nun hatte Kirchweyhe sogar darunter zeitweise stark zu leiden. Er lag mit Unterbrechungen unter dem Feuer deutscher Geschütze, die bei Arsten, Brinkum und Leeste Aufstellung genommen hatten. Personen- und Sachschäden kamen nicht selten vor. Die hiesigen Einwohner waren noch wochenlang den Ängsten und Aufregungen des Krieges andauernd ausgesetzt.

Neue britische Kampfverbände rückten ein. Der Keller war und blieb Wohn- und Schlafraum mancher Familie. Roter Feuerschein am nächtlichen Himmel legte Zeugnis ab von schweren Kämpfen in den Nachbargemeinden Leeste, Brinkum, Stuhr usw. Einzelheiten aus dem Kriegsgeschehen enthält folgende Übersicht:

 

Dienstag, den 10. 4. 1945:

Einzelne britische Panzer beschießen vom Ortsrand von Kirchweyhe aus verschiedene Ziele (Blockstation Arsten — Reichsbahn) — (Ziegelei Wehrmann, Dreye); Granatwerfer gehen an der Kleinbahn-Haltestelle in Stellung und nehmen die ehemalige Flakstellung bei Dreye unter Feuer.

 

Mittwoch, den 11. 4. 1945:

Im Hause Nr. 218 (F. Kehlenbeck — gegenüber der  Schule) wird eine Funkstation eingerichtet; das Haus Nr. 67 (Br. Meyer — am Papenkamp) geht in Flammen auf, weil im Garten Gewehre des Volkssturms vergraben waren — Anzeige durch die Polen, die aufgefundenen Gewehre werden auf dem Geestwege vor dem Schulhofe verbrannt; nachmittags setzte plötzlich eine heftige Beschießung des Dorfes durch deutsche Artillerie ein, wobei Anni Boßmeyer beim elterlichen Hause (bei der Kirche) den Tod fand und der Schüler Heinz Baden eine sehr schwere Armverletzung davontrug. Nach erfolgter Meldung erschien sofort ein englisches Sanitäts-Auto — begleitet von einem Militärarzt und zwei Sanitätern —und besorgte einen schnellen Abtransport des Schwerverwundeten nach Diepholz zum Hospital; eine Polin (verwundet — Oberschenkelschuß) wird gleichfalls in die Schule eingeliefert.

 

Donnerstag, den 12. 4. 1945:

Die Polen — vielfach bei den hiesigen Bauern als Hilfskräfte in Arbeit —nehmen unter der Führung fanatischer Aufrührer allem Deutschen  gegenüber eine feindliche Haltung ein und beginnen die Wohnungen zu plündern, u. a. wird die Familie Bauermeister (H.-Nr. 38) ausgeplündert, mit Waffen bedroht und flüchtet zum Schulgebäude; Schwerkranke aus der hiesigen Gemeinde werden zur Durchführung einer geordneten ärztlichen Betreuung und zweckmäßigen Pflege durch Hilfskräfte des „Roten Kreuzes" zur Schule gebracht.

 

Freitag, den 13. 4. 1945:

Russen und Polen (besonders Kriegsgefangene) werden durch englische Soldaten kontrolliert; trotzdem gehen ihre Plünderungen weiter.

 

Sonnabend, den 14. 4. 1945:

Ein „schwarzer Tag" für Kirchweyhe; etwa 4 Uhr nachmittags erhält die Westseite des neuen Schulgebäudes einen „Volltreffer" deutscher Artillerie; die einschlagende Granate richtet am Gebäude eine starke Zerstörung an. Der Raum zum Treppenaufgang im Obergeschoß war nur noch ein einziges Trümmerfeld.

120 Fensterscheiben des Schulhauses — daneben die herrliche Buntverglasung der Fenster im Treppenhause mit dem Spruch von W. Flex „Rein bleiben und reif werden" — wurden vollständig zersplittert. Wie durch ein Wunder blieben alle im Gebäude vorübergehend untergebrachten Personen, die sich an diesen schönen Frühlingstagen sonst um die gleiche Zeit auf dem Schulhofe aufzuhalten pflegten, vollständig unverletzt. — Doch es sollte noch anders kommen. Eine zweite deutsche Geschützsalve traf kurze Zeit darauf das Gehöft des Hauses Nr. 218 (F. Kehlenbeck) und den Geestweg vor dem Schulhof. Ein britischer Soldat, der sich hier die Rasenfläche unter einem Kastanienbaume als Ruheplatz erwählt hatte, wurde getötet, während mehrere Kinder in geringer Entfernung hiervon mit leichten Hautverletzungen davonkamen.

 

Dienstag, den 17. 4. 1945:

Der Tag verläuft im allgemeinen ruhig, bis auf geringe Gefechtstätigkeit in Richtung Dreye. Falls in den Familien Erkrankungen auftreten, sind diese dem nächsten englischen Posten zu melden zwecks Erlangung einer Bescheinigung vom Ortskommandanten zur Herbeiholung eines Arztes; in den Abendstunden bringt ein schweres Gewitter erfrischende Abkühlung.

 

Mittwoch, den 18. 4. 1945:

Die Feldarbeit ruht völlig; manche Viehställe sind geräumt; die Tiere irren teilweise im Gelände umher. Schwere Waffen (Granatwerfer) werden in unmittelbarer Nähe des Schulhofes (auf dem Ackergelände von Joh. Daneke — Nr. 10) in Stellung gebracht und feuern in der Nacht ca. 1000 Schuß in Richtung Dreye ab. An Schlaf ist nicht zu denken.

 

Donnerstag, den 19. 4. 1945:

Nur geringe Kampftätigkeit. Durch die englischen Besatzungstruppen werden besondere Nachforschungen und Maßnahmen gegen die ehemaligen Funktionäre der NSDAP durchgeführt.

 

Freitag, den 20. 4. 1945:

Aus dem Sanitätsraum' der Schule sind alle Verwundeten usw. entlassen; die Hilfsschwestern vom „Roten Kreuz" haben nur noch Tagesdienst für vorkommende Fälle; eine Familie benutzt noch einige Räume als Notwohnung.

 

Sonnabend, den 21. 4. 1945:

Die Kämpfe gegen Dreye und Leeste — Brinkum — Bremen werden in verstärktem Maße fortgesetzt; die Landstraße Kirchweyhe—Dreye ist von der britischen Wehrmacht beim Ortsausgang (Scharmarsch) besonders gesichert und befestigt (Bezeichnung „Minenstraße"); Die Ochtumbrücke (Koppel) haben deutsche Soldaten schon vor Tagen gesprengt.

 

Sonntag, den 22. 4. 1945:

Bremen hat die Aufforderung zur Übergabe abgelehnt. Daraufhin wird das Stadtgebiet gegen Abend erneut von mehreren „Verbänden schwerer Bomber" angegriffen, die das furchtbare Werk der Zerstörung fortsetzen. Die Schuld trägt einzig und allein der Wahnsinn einer abgewirtschafteten Parteileitung. Der Kampf geht weiter. Neue britische Angriffstruppen treffen in Kirchweyhe und Umgegend ein.

 

Montag, den 23. 4. 1945:

Das Luftbombardement auf Bremen wird dauernd fortgesetzt; immer 6 Bomber greifen in Zeitabständen von 10 Minuten neu an.

 

Dienstag, den 24. 4. 1945:

Dreye erhält mit geringen Unterbrechungen starkes Feuer.

 

Mittwoch, den 25. 4. 1945:

Um 4 Uhr früh ist Dreye von den Resten deutscher Wehrmachtsverbände geräumt; die englischen Einheiten rücken nach; im Dorf wird es leerer; die Bewohner kehren in ihre Häuser zurück; das „Gefecht um Kirchweyhe" ist beendet.

Nur noch schwache Kämpfe im Land- und Stadtgebiet von Bremen.

 

 

Die Versorgung der Bevölkerung im und nach dem Krieg

Als 1939 der 2. Weltkrieg begann, wurden die Lebensmittel usw. für die Bevölkerung „rationiert". Strenge Gesetze und Verordnungen regelten die gesamte Kriegswirtschaft.

Es war die Zeit der „Zuteilungsperioden", die erst im März 1950 beendet wurde. Die Rationen waren nicht sehr groß, weil das gesamte Volk ernährt werden musste und Handel mit überseeischen Ländern nicht getrieben werden konnte.

Nach einem besonderen System gab es verschiedene Kategorien. Zuerst den kalorienmäßig „Mindestbemittelten", den „Normalverbraucher", der stets versuchte, sich zusätzlich Lebensmittel zu beschaffen. Dann den „Schwerarbeiter", der zusätzliche Zuteilungen bekam. Schließlich den „Selbstversorger", zu denen zum Beispiel der Bauer gehörte.

Spätere Generationen werden sich wundern, wenn sie die Zuteilungen lesen.

So musste der Normalverbraucher im Jahre 1945 mit 1000 bis 1200 Gramm Brot pro Woche auskommen.

Fleisch gab es 50 Gramm, Fett oder Margarine 62,5 Gramm oder 50 Gramm Öl, Butter 125 Gramm, Käse 52,5 Gramm oder 125 Gramm Quark — je nach Vorrat, 125 Gramm Zucker, 50 Gramm Kaffee-Ersatz, 50 Gramm Nährmittel, 1500 Gramm Kartoffeln und Gemüse nach Mengenanfall und Aufruf.

Ab und zu durfte man auch einmal wählen, ob man beispielsweise Nährmittel gegen Trockenfrüchte eintauschen wollte. Meist gab es Rosinen im Verhältnis 4: 3

Das Jahr 1945 war gewissermaßen der „Tiefpunkt" in der Ernährungslage, die sich nach der Währungsreform (1948) schlagartig verbesserte.

 

Am 8 Mai 1945 war der 2 Weltkrieg beendet.