Die evangelische Kirche

 


 

Am 1. Juli 1776 wütete in Kirchweyhe ein großer Brand. Das Feuer brach während des Gottesdienstes im Pfarrhause aus und griff mit großer Schnelligkeit um sich. Zerstört wurde hier die Pfarregistratur mit den alten Kirchenbüchern und sonstigen wichtigen Akten. So ist für die Geschlechterforschung in der Vorzeit bedauerlicherweise manches in Dunkel gehüllt.

Weiter fielen den Flammen an Gebäuden zum Opfer: Meyers Haus Müllers Haus , Kochs Haus und das Küsterhaus. Die Schulklasse war anfänglich nicht im Küsterhaus. Sie stand auf dem alten Kirchhof. Dieses Küster- und Schulhaus stand bis zum Jahre 1875. Im Frühjahr 1875 wurde es abgerissen und nach Riede an Fr. Siemer verkauft, der es dort wieder aufbaute. Das vorhin erwähnte Müllers Haus brannte 1822 erneut ab. Eine alte Frau soll vorher auf dem Boden (Räucherkammer) unvorsichtig mit Feuer hantiert haben. In 3 Monaten war ein neues Haus errichtet. Auch dieses ist nun wiederum in den Kampfhandlungen am 9. 4. 1945 ein Raub der Flammen geworden.
 

Bevor die „alte Kirche in Weyhe" 1858 geschlossen wurde, hatte man auf dem sogen. Meyer Kampe (gegenüber dem Pfarrhause) eine Notkirche aus Holz erbaut, in welcher nun in der Bauzeit bis zur Fertigstellung der neuen Kirche die Gottesdienste abgehalten wurden. Für den Kirchenbau lagen drei von verschiedenen Seiten eingereichte Entwürfe vor. Den einen lieferte ein einfacher Landzimmermeister aus der noch heute in Erichshof bei Leeste bekannten Familie Dunkhase; der zweite stammt von dem Baurat Hase in Hannover, und den dritten zeichnete der bremische Baumeister Hans Loschen.

Der Entwurf des letztgenannten Architekten gelangte zur Ausführung. Das Innere der Kirche zeigt eine weiträumige, hohe Halle mit streng gotischen Bauformen (Spitzbogen). Der breite Raum des Kirchenschiffes wird abgeschlossen durch einen besonders schön wirkenden Chorraum mit zwei reich gegliederten Chorpfeilern, hochaufgewachsene Wölbungen und schlanke Fenstern in farbenprächtiger Bleiverglasung. Das sauber gearbeitete Ziegelmauerwerk der Bogen etc. kommt mit wenigen, einfachen Formsteinen ausgezeichnet zur Wirkung. Der Gesamteindruck des Innenraumes wird noch erhöht durch die schlichten Formen der Holzarbeit, wie sie bei den ringsum laufenden Emporen (Priechen) und im Gestühl zur Anwendung gekommen sind. Mit dem Bau der neuen Kirche wurde 1861 begonnen.

Die Bauarbeiten wurden größtenteils ausgeführt von ortsansässigen Handwerksmeistern. Die Kirche war fertig und wurde abgenommen am 30. Dezember 1862 und sodann am 4. Januar 1863 eingeweiht. Leider sind bei dem Bau durch einen Unglücksfall 3 Werkleute zu Tode gekommen und 18 mehr oder minder schwer verletzt. Die Baukosten werden mit 17850 Talern angegeben. Es ist wohl keine Übertreibung, wenn die Kirchengemeinde Weyhe ihr Gotteshaus als eine der schönsten und stattlichsten Dorfkirchen der Provinz Hannover bezeichnet.
 

Wie die Kirche 1862 vollendet war, blieb sie in den nächsten Jahrzehnten zunächst unverändert. Die geputzten Mauerflächen bedeckte im Innern ein nüchterner, graugelber Anstrich. Hier musste im Laufe der Zeit dem architektonischen Werte des Bauwerks durch eine Ausmalung zu einer gesteigerten, würdigeren Wirkung verholfen werden. Unter der beratenden Mitwirkung des „Verein für Niedersächsisches Volkstum", Bremen, wurden Entwürfe aufgestellt, auf Grund deren der Maler Gunkel von der Kunstgewerbeschule in Bremen 1908 mit der Ausführung der neuen Malerei beauftragt wurde. Er hat diese Aufgabe in mustergültiger Weise gelöst und durch seine Arbeit das vom Baumeister geschaffene Raumgebilde durch stimmungsvolle Töne der Wandflächen noch eindrucksvoller gestaltet. Durch reichen figürlichen Schmuck ist dem Chorraum eine besonders feierliche Wirkung verliehen. So fand die Arbeit des Künstlers den Beifall der ganzen Gemeinde.
Der Innenraum unseres Gotteshauses hat noch eine besonders würdige und eindrucksvolle Gestaltung erhalten, dass heute die Namen der Gefallenen der letzten Kriege aus der „Kirchengemeinde Weyhe" verzeichnet auf „Ehrentafeln" bzw. einzelnen „Gedächtnis-Ehrenkreuzen" (angebracht an den Seitenwänden) als Mahnmale für die zukünftigen Generationen dem Auge des Besuchers unserer Kirche entgegen treten.
Seitlich vom Chor ist als Rest vom Schmuck des früheren, alten Gotteshauses das Bildnis des ehem. Pastors Andreas Pflüg der 1638 -1675 amtierte, angebracht. Der Prediger Johann Plenge (1676 - 1721)  hat dem hiesigen Pfarrwitwentum ein Vermächtnis von 40 Talern vermacht, welches später zu einem Kapital von 20 000 Talern anwuchs. Dieser Prediger war einige Jahre vor seinem Tode erblindet und musste zur Kirche und Kanzel geleitet werden. Da auch der Küster alt und unvermögend war, hat die Tochter die Perikopen in der Kirche verlesen müssen.
 

Im Sommer 1877 traf ein Blitz den Kirchturm, zündete aber nicht, gleichwohl mußte der Turm umgedeckt werden.

Viel schwerer waren die Beschädigungen, die Turm und Kirche in den Kampfhandlungen des Gefechtes um Weyhe (09. - 26. 4. 1945) durch zahlreiche Geschoßeinschläge erhalten hatten. Für den Turm ,ein darin bereits ausgebrochenes Feuer wurde im letzten Augenblick erstickt, bestand schwerste Einsturzgefahr, die Orgel war durch Steinbrocken etc. und eindringende Feuchtigkeit stark mitgenommen, und die Buntverglasung der Fenster hatte sehr gelitten. Sofortige Hilfsmaßnahmen waren dringend notwendig und wurden unverzüglich eingeleitet. Ein Aufruf für eine „freiwillige Kirchenbauspende" in der Gemeinde Weyhe ergab in kurzer Zeit den überaus erfreulichen Betrag von mehr als 20 000, Reichsmark und zeugte von der großen Opferbereitschaft in allen Schichten der Bevölkerung.
 

Das schöne Geläut im alten Turme der Kirche wurde seit langer Zeit ausgeführt von zwei Glocken, einer größeren und einer kleineren. Im ersten Weltkriege (1914/18) mußte die kleine Glocke der Kriegswirtschaft geopfert und abgeliefert werden. Es war ein feierlicher Augenblick, als sie zum letzten Male unmittelbar vor dem Abbau ihre eherne Stimme in einem Abschiedsläuten erschallen ließ. Erst 1923 war es der Kirchengemeinde Weyhe möglich, diese Glocke durch eine neue zu ersetzen.

Ein Bericht darüber enthält folgendes: „Zur großen Freude unserer Kirchengemeinde ist die neue Kirchenglocke am Sonnabend, dem 31. März 1923, in unserem Turm angebracht worden. Eine große freudige Schar von Schulkindern unter Anweisung der Lehrer wirkte mit beim Aufwinden derselben in den Turm durch einen Flaschenzug mit langen Seilen. Sie hat dann das Osterfest eingeläutet. Im Hauptgottesdienst des ersten Festtages wurde sie der Gemeinde übergeben mit dem Wunsche, daß sie zur Ehre Gottes und zur Freude der Gemeinde uns und den kommenden Generationen das alte Glockenwort zur Wahrheit machen möge:
Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango, d. h.: „Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich". Die Glocke ist in der Glockengießerei von F. Otto in Hemelingen gegossen am Mittwoch, dem 28. März 1923. Sie ist eine Bronzeglocke im Gewicht von 542 kg, hat eine schöne Form und stimmt im Klange vorzüglich mit der noch vorhandenen, größeren Glocke harmonisch zusammen. Die Inschrift lautet:
„Die alte geopfert dem Vaterland, die neue gespendet von Freundeshand. Soli deo gloria. (Allein Gott in der Höh sei Ehr!) Glockenspende früherer Gemeindemitglieder aus Nordamerika, überbracht von H. Hilke und Frau Margarete, geb. Fröhlke, aus Newyork — 1922.
Gegossen 1923. Der Kirchenvorstand."
 

Durch die großen Lohnsteigerungen seit Abschluß des Lieferungsvertrages wurde leider eine ganz bedeutende Verteuerung der Glocke herbeigeführt. Doch hofft der Kirchenvorstand die Kosten durch "Liebesgaben" decken zu können. Wenn doch nur alles, was uns der Krieg genommen hat so leicht ersetzt werden könnte, wie solch eine Glocke! Aber wie viele lebendige Opfer, welchen die alte Glocke noch das Trauergeläut nachgesandt hat, können niemals ersetzt werden! Möge die neue Glocke mit der noch vorhandenen Schwester vereint bald auch das Kommen einer besseren Zeit und eines neuen Aufstiegs des deutschen Volkes künden können!"
 

Der 1923 neu beschafften Glocke war nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Auch sie wurde, wie ihre Vorgängerin, ein Opfer des unglücklichen 2. Weltkrieges (1939/45) und mußte abgeliefert werden. Erst nach der Währungsreform (1948) konnte die Kirchengemeinde Weyhe an eine abermalige Ergänzung ihres Kirchengeläuts denken. Eine „Glockenspende" aus allen Schichten der Gemeidemitglieder brachte den Grundstock der recht erheblichen Beschaffungskosten, und durch Zuwendungen anderer Art konnte schließlich das geplante Vorhaben seinen Abschluss finden. Der Guss der neuen Glocke fand am Dienstag, dem 30. März 1954 um 11 Uhr in der Glockengießerei Otto in Hemelingen statt. Eine Abordnung des Kirchenvorstandes und einige Gäste nahmen daran teil. Es war ein feierlicher Augenblick, als das flüssige Metall in die neue Form einströmte. Kirchenmusikdirektor Hoppe aus Verden hat dann die Glocke geprüft.

Am 1. Ostertag 1954 (18. April) wurde die neue Glocke eingeweiht. Eine große Gemeinde nahm daran teil. Die Glocke trägt die Inschrift: „Die Toten beklage ich, die Lebenden rufe ich, zur Ewigkeit leite ich." (Sie ist dem Gedächtnis der Gefallenen geweiht). Die alte Glocke ist fast 250 Jahre alt; sie vereinigt sich mit der neuen in ihrem Klange zu einer wunderbaren Harmonie.

Möge die neue Glocke eine Friedensglocke sein!
 

Die Orgel der Kirche zu Weyhe hatte 1945 durch Kriegseinwirkungen (Beschuß) stark gelitten und war dann in demselben Jahre durch gründliche Überholung (ausgeführt vom alten Orgelbaumeister W. aus Bremen) für den gottesdienstlichen Gebrauch instand gesetzt worden. Immerhin blieb der Wunsch bestehen, die Orgel baldmöglichst vollkommen zu renovieren. Dieser Wunsch wurde im Sommer 1954 Wirklichlichkeit. Orgelbaumeister Brönstrup aus Hude in Oldenburg und seine Gehilfen führten nach mehrmonatiger Arbeit das große Werk aus.

Ihr Bemühen erreichte eine leichtere Spielbarkeit. Zahlreiche neue Register wurden in die Orgel eingebaut. Eine ganz andere und volltönende Klangfarbe wurde dadurch vermittelt. Die Einweihung der neuen Orgel fand in Form einer Doppelfeier statt, und zwar am Freitag (24. September 1954) mit einer Abendmusik und am Sonntag (26. September 1954) im Festgottesdienst.

Die Abendmusik erhielt ihr besonderes Gepräge durch die Mitwirkung von Domorganist Professor Liesche aus Bremen. Wahrhaft meisterlich gestaltete er klassische Orgelwerke von Böhm, Bruns und Buxtehude. Die hiesige Kirchenmusikerin, Frau P. Rudloff, bot durch ihr hervorragendes Können große Meisterwerke von J. S. Bach dar. Darin kamen der prächtige Klangumfang und der leuchtende Tonklang der neuen Orgel so recht zum Ausdruck. Sehr eindrucksvoll umrahmten die wertvollen musikalischen Darbietungen des hiesigen Kirchenchors unter Mitwirkung bewährter Solisten und Laienkräfte aus der Gemeinde die stark besuchte Abendveranstaltung.

Der Festgottesdienst am Sonntag, der unter Gottes Wort die eigentliche feierliche Einweihung brachte, versammelte eine große Gemeinde. Für viele Menschen unserer Kirchengemeinde ist unsere schöne Kirche der Ort der Taufe, der Konfirmation, der Trauung und der sonntäglichen Erbauung, und von hieraus wird der eherne Mund der Glocken uns Wanderern auf diesen Erdenwegen einst das letzte Geleit geben.